Diese Frage stelle ich mir in den letzten Tagen sehr häufig. Und ich muss sagen, dass ich da zu teilweise recht heftig von der allgemeinen "Pressemeinung" abweichenden Antworten komme.
Vorweg zur Klarstellung eins: Ich habe absolut nichts gegen Tibet, seine friedlichen Bürger oder den Dalai Lama.
Aber wie im Moment dieses Thema dazu benutzt wird, um China mit Boykottdrohungen der olympischen Spiele unter Druck zu setzen, geht mir ehrlich gesagt, langsam aber sicher zu weit. Mal abgesehen
davon: China lässt sich wohl kaum von ein paar Randalierern, die der Meinung sind, sie müssten mal eben schnell das olympische Feuer löschen, beeinflussen. Das Einzige,
was hier wirklich passiert, ist, dass der olympische Gedanke, der friedliche Wettkampf von Sportlern schon vor Beginn der Spiele Schaden nimmt, der vielleicht nicht wieder gut zu
machen ist.
Das Versagen der Politiker und des IOC wird wieder einmal auf dem Rücken der Sportler ausgetragen. Das gab es ja schon öfter in der Vergangenheit, ob 1980 in Moskau oder 1984 in Los Angeles.
POLITISCH bewirkt haben irgendwelche Boykotte, nach denen auch jetzt schon wieder lautstark gerufen wird, nichts. Den Sportlern, die sich jahrelang auf das größte aller Sportfeste vorbereitet
haben, wurde aber durch die Politik die Möglichkeit genommen, mit ihrer Leistung auf friedliche Weise zu zeigen, dass es auch anders möglich ist, Flagge zu zeigen. Ich habe nichts dagegen, wenn ein
Sportler von sich aus sagt, dass er aus Protest gegen die chinesische Tibet-Besetzung nicht an Olympia teilnehmen möchte. Das ist SEINE
Entscheidung. Genauso kann ich damit leben, dass Staatsoberhäupter
oder Regierungschefs nicht zur Eröffnungsfeier oder zu Wettkämpfen fahren. Angela Merkel z.B. ist wahrscheinlich
sowieso bei Kulturveranstaltungen mit tief ausgeschnittenem Kleid besser aufgehoben. (Danke an ihren Stilberater!)
Aber dass Politiker in verschiedenen Ländern jetzt über einen Boykott von Olympia
nachdenken, verletzt für mich gröblichst die
Rechte der Sportler dieser Länder. Zumal die Politik und wohl auch die
Wirtschaft aller Länder inzwischen sehr weitreichend von China abhängig ist.
Und das ist für mich Heuchelei: Einerseits zum Boykott aufrufen, andererseits wirtschaftlich die besten Kontakte zu China pflegen. Ach so, nicht zu vergessen, dass wohl jeder dieser
Boykott-Sympathisanten sofort lebensunfähig wäre, wenn in seinem privaten Umfeld alle in China produzierten Dinge wie Computer-Schaltkreise, Kabel usw. den Geist aufgeben würden.
Verwunderlich ist für mich weiterhin, dass komischerweise der lauteste Aufschrei gegen die Tibet-Politik in Europa stattfindet, während z.B. in Brasilien das olympische Feuer ohne gewaltsame
Ausschreitungen durch die Straßen getragen wurde. Als ich die Bilder aus England gesehen habe, fragte ich mich nur noch, was für Menschen dort protestieren. Sind DAS die friedlichen Bürger Tibets,
die Anhänger der gewaltfreien Politik des Dalai Lama? Kann ich mir nicht vorstellen. Wahrscheinlich ist selbst der Dalai Lama beim Anblick dieser Bilder vor Scham im Boden versunken.
Da ist es mir schon viel lieber, wenn ein erfolgreicher Sportler auf dem Siegerpodest zum Zeichen des Protestes seine Faust zum Himmel streckt.
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